Kommunistischer Jugendverband (KJV)

Jugendliche ArbeiterInnen aller Länder, vereinigt Euch und kämpft gemeinsam!

Junge ArbeiterInnen, schaffen wir uns klassenbewusste Gruppen in der Gewerkschaft!

Posted by rkjv - August 18, 2010

Interview mit Petra, Kellnerin 

(Vorabveröffentlichung aus: Roter Morgen Nr.28) Roter Morgen: Was machst du bei deiner Beschäftigung genau, kannst du uns etwas aus deinem Arbeitsalltag berichten?

Petra: Hallo. Ich bin als Kellnerin bei einer Personalleihfirma beschäftigt. Die Minimumarbeitstage sind dort acht Stunden, wobei sich dabei oftmals keine Pausen ausgehen – das heißt durcharbeiten wenn Gäste da sind. Die Firma in der ich beschäftigt bin, verleiht uns ArbeiterInnen unter anderem an verschiedene Kongresse. Bei einem der letzten Kongresse wo ich beschäftigt war, kippte eine Kollegin sogar um. Gleichzeitig ist es dabei natürlich so, dass man niemals immer nur in einem Bereich dieser Sparte arbeitet. Viel eher muss man überall einsatzfähig sein: beim Abservieren, an der Bar, in der Anlieferung für verschiedene Räume, usw.

RM: Wie sieht es da bei Euch mit den Arbeitsverhältnissen aus?

P.: Unsere Arbeitsverhältnisse sind, wie schon gesagt, vor allem durch viel Arbeitshetze und wenigen bis keinen Pausen geprägt. Der längste Tag den ich hatte, das waren 16 Stunden ohne die Möglichkeit auf´s Klo zu gehen oder sich mal mit einem Glas Wasser hinzusetzen. Wenn man sich darüber aufregt, wird man einfach nach Hause geschickt und darf beim jeweiligen Auftraggeber nicht mehr arbeiten. Leihfirmen wie solche wo ich beschäftigt bin, haben verschiedene Schwerpunkte (das sind dann die jeweiligen Auftraggeber). Wenn man bei einem wichtigen Schwerpunkt rausfliegt, fällt man um die Stunden die man dort eingeteilt gewesen wäre, einfach um – d.h. die werden dann natürlich nicht ausbezahlt. Unser Chef versucht dabei immer auf „lieb und nett“ zu machen, vor allem wenn er uns einreden will, wie toll es nicht sei, dass wir alle in einem „freien Dienstnehmervertrag“ sind. Das versucht er uns als „tolle Ungebundenheit“ zu verkaufen, dabei heißt das doch nichts anderes, als dass er uns noch viel leichter als sonst rauswerfen kann. Ein anderes großes Problem in meinem Job, ist der Sexismus mit dem wir tagtäglich zu kämpfen haben. Viele Gäste werden schnell total aufdringlich, machen sexistische Bemerkungen und behandeln dich wie auf dem Fleischmarkt. Gleichzeitig ist es so, dem Motto der Branche, „der Gast ist König“, entsprechend, dass man so lange nicht wirklich was sagen kann, solange man nicht wirklich grob angefasst wird. Wenn ein „ganz normaler Gast“ sich beschwert weil eine von uns ihm Paroli bietet, dann wird man nachher durch die Chefs zwar damit konfrontiert, aber in der Regel bleibt eine ernstere Konsequenz aus. Anders ist es schon, wenn die Belästigung von einem Auftraggeber ausgeht. Wenn sich der beschwert, dann gibt´s die Kündigung, weil unser Chef um den Auftrag bzw. Standort umfällt wenn der jeweilige Auftraggeber nicht „zufrieden“ ist. Solchen Typen bist du also voll ausgeliefert. Weiter ist es so, dass bei jeder größeren Veranstaltung wo wir eingesetzt werden ziemlich viel Essen das übrig bleibt danach weggeworfen wird, obwohl es gut ist. Wenn du dir davon etwas mitnimmst, dann ist das für die Chefs ebenso ein „Grund“ für ein Arbeitsverbot am jeweiligen Standort.

Was den Chefs all diese Vorgehensweisen enorm erleichtert, ist die Spaltung innerhalb der ArbeiterInnen. So gibt es z.B. total viel Streit zwischen KöchInnen und KellnerInnen; jeder schiebt die Schuld am Stress in der Arbeit den anderen zu, vor allem wenn in der Arbeitsplanung etwas nicht richtig funktioniert und dadurch weiterer Arbeitsaufwand anfällt, dabei passieren die Logistikfehler natürlich auf Chefebene. Doch die meisten KollegInnen hinterfragen solche Bedingungen und deren Ursachen gar nicht. Anstatt die tatsächlich Verantwortlichen anzugreifen, meinen die Einen dass die Anderen Schuld seinen, und umgekehrt. Diese Spaltung uns macht nicht nur kollektiv angreifbarer, sondern auch mit den einzelnen KollegInnen haben die Chefs ein viel leichteres Spiel. Als ich z.B. die Auszahlung von einigen Überstunden einforderte, fragte mich mein Boss doch glatt, warum er sie mir denn ausbezahlen sollte, denn immerhin hätte ich ihm an diesem Tag keinen Kaffee gemacht und ihn auch nicht freundlich gegrüßt!

RM: Was sind Deine Erfahrungen mit offenem Widerspruch gegen die Chefs durch die KollegInnen oder Dich selbst?

P.: Vor kurzem gab es den Fall, dass eine Kollegin kurz vor einem größeren Arbeitseinsatz am Bein operiert wurde. Nun musste sie aber bei dem betreffenden Auftrag den ganzen Tag lang einen schweren Wagen schieben, dass ihr das nach einer OP Probleme bereitet, ist klar. Als sie sich kurz beiseite setzte um ihr Bei zu entlasten, „ertappten“ sie die Chefs.  Sie widersprach ihnen auf deren Anschuldigungen und erklärte warum sie sich beiseite setzen müsse; trotzdem hat sie nun Arbeitsverbot bzw. wurde vermutlich ganz rausgeworfen. Viele KollegInnen haben totale Illusionen in den Chef der „eigenen“ Firma – der „Schuldige“ ist für sie im besten Fall immer nur der Auftraggeber, nie der „eigene“ Chef. Unter ihnen gibt es kaum die Überlegung, dass der natürlich auf unsere Kosten lebt, vielmehr herrscht eine totale Identifikation mit dem Betrieb und damit auch dem Chef vor. Das Ganze läuft auf eine „Wir-sitzen-doch-alle-im-selben-Boot“-Ideologie hinaus, wobei das natürlich totaler Blödsinn ist. ArbeiterInnen sitzen zwar im selben Boot, die Chefs aber auf einer eigenen Yacht! Unterstützt wird diese falsche Ideologie der KollegInnen auch noch dadurch, dass der Chef öfters kleine Geschenke verteilt und sich sdamit auch persönlich beliebt macht. Widerspruch gegen die Betriebsleitung kommt somit kaum auf, und es ist sehr schwer den KollegInnen klarzumachen, dass der Chef niemals ihr „Kumpel“ sein kann.

RM: Was wäre wichtig, dass in Eurem Betrieb zu Gunsten der ArbeiterInnen passiert? Was könnten erste Ansätze sein um längerfristig etwas zu erreichen?

P.: Nun, bei uns gibt es z.B. nicht mal einen Betriebsrat. Das wäre mal wichtig, dass es geschafft wird so etwas durchzubringen. Um es aber wirklich durchzubringen einen Betriebsrat zu installieren, muss nicht nur viel Vorarbeit geleistet, sondern auch der richtige Zeitpunkt abgewartet werden. Es geht, angesichts der starken Identifikation der KollegInnen mit der Firma und dem Chef, darum, in einem Augenblick wo der Chef einen Fehler macht und die Empörung unter den KollegInnen groß ist, die Stimmung aufzufangen und für so ein Anliegen zu nutzen. Man muss mit den KollegInnen sprechen und diskutieren dass sie sich endlich selbst gewerkschaftlich organisieren müssen. Diesen Schritt müssen sie natürlich selbst machen, nicht zuletzt auch deswegen, weil die Führung der Gewerkschaft bisher nichts unternommen hat und es ganz klar ist, dass wir uns auf sie nicht wirklich verlassen können. Bisher gab es, obwohl es in unserem Betrieb sowie in der Branche überhaupt schlimme Missstände gibt, keinerlei Aktion die durch die Gewerkschaftsführung gesetzt worden wäre – der Bereich Catering scheint denen total egal zu sein; dabei kenne ich mehrere solcher Firmen, doch keine hatte einen Betriebsrat und auch der Kollektivvertrag in diesem Bereich ist total gering. Wenn man sich gewerkschaftlich organisiert, dann trifft man auch auf andere KollegInnen die mit der Führung der Gewerkschaft unzufrieden sind. Mit denen muss man gemeinsame Aktionen starten und eine klassenbewusste Strömung in der Gewerkschaft schaffen die auch im Betrieb kämpferisch auftritt und nicht Hand in Hand mit den Chefs geht. Als ArbeiterInnen müssen wir uns gemeinsam auf Basis unserer eigenen Interessen, also den Interessen unserer Klasse, organisieren. Dass so etwas geschaffen wird, das wäre mal ein wichtiger Ansatz und für uns als ArbeiterInnen generell ein großer Schritt nach vorn. Darüber hinaus wäre das aktuell in Anbetracht der kommenden KV-Verhandlungen, in denen die Chefs versuchen werden uns abzuknöpfen was nur geht, und auch in Anbetracht des kommenden Sparpakets, was einen massiven Angriff auf unsere Lebens- und Arbeitsbedingungen bedeuten wird, eine ziemlich dringende Sache. Nur wenn wir diese Schritte machen, werden wir unsere wirtschaftlichen Interessen einigermaßen verteidigen und in diesem Rahmen auch manche Verbesserungen erkämpfen können! 

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