Kommunistischer Jugendverband (KJV)

Jugendliche ArbeiterInnen aller Länder, vereinigt Euch und kämpft gemeinsam!

„Wir sind die kroatischen KämpferInnen gegen die Diktatur des Kapitals“. Interview mit der Gruppe Rote Aktion (Crvena Akcija)

Posted by rkjv - Juni 9, 2010

Niemand weiß wer und wie viele sie sind. Man weiß nur, dass sie auf ihrem Portal (Anm. Übers: Homepage) scharfe Artikel gegen Kapitalismus veröffentlichen und dass sie unlängst auf dutzenden Plätzen in Zagreb große rote Fahnen aufhingen. Weil sie sich als eine illegale Organisation verstehen, war ihre Bedingung für dieses Interview die absolute Anonymität, aus dem Grund ist es uns nicht möglich Bilder und die Namen ihrer  Anführer zu veröffentlichen. Sie nennen sich Crvena Akcija (Anm. Übers: Rote Aktion). Das Gespräch mit den Mitgliedern der Roten Aktion veröffentlichte Damir Pilic in Slobodna Dalmacija (Anm. Übers: Kroatische Tageszeitung – Freies Dalmatien).

Frage (F): Wann wurde euere Organisation gegründet?

Antwort (A): Die Rote Aktion wurde vor etwas mehr als anderthalb Jahren gegründet. Es handelt sich also um eine sehr junge Organisation. Nichtsdestotrotz haben wir den Jahrestag der Gründung sehr pompös gefeiert. Wir hingen dutzende Transparente in ganz Zagreb auf. Wir machten das nicht weil wir der Meinung sind, dass der erste Jahrestag der Gründung eine große Leistung wäre, sondern weil wir vielmehr der Meinung sind, dass das womit wir angefangen haben zu arbeiten sehr wichtig für die Zukunft Kroatiens ist.

F: Warum habt ihr die Organisation gegründet? Was veranlasste euch zu diesem Schritt?

A: In unseren Augen ist die Rote Aktion der erste Versuch in Kroatien dem Übergang organisiert Widerstand zu leisten.Seit den neunziger Jahren dominiert in Kroatien, aber auch in großen Teilen der Welt, das Gerede, dass es zum Kapitalismus keine Alternative gäbe, weil alle anderen Versuche scheiterten. Nichtsdestotrotz, wir sehen klar, dass es dem Kapitalismus nicht gelungen ist die grundlegenden Probleme der Menschheit zu beseitigen, aber auch nicht die lokalen Probleme der Entwicklung Kroatiens. Vielmehr hat sich der Kapitalismus in seinen Grundzügen seit dem Beginn des 20. Jahrunderts nicht verändert.

1.) Wir haben für etwas zu kämpfen.

F: Wie meint ihr das?

A: Wir teilen uns noch immer in die, die für die anderen arbeiten und die die von der fremden Arbeit das Geld machen, der Sinn der Produktion ist noch immer die Füllung der privaten Taschen und nicht die Befriedigung der Bedürfnisse der Bevölkerung. Die grundlegende Funktion des Staates ist noch immer die Wahrung der Interessen des Kapitals und die Welt teilt sich noch immer in die imperialistischen Staaten „des Zentrums“ und die abhängigen Länder „der Peripherie“. Die Gründe weswegen Millionen von Menschen während des 20. Jahrhunderts gegen den Kapitalismus gekämpft haben, sind noch immer vorhanden. Wahrlich, in vielen Ländern der Welt kämpfen noch immer Tausende. Wir haben für etwas zu kämpfen und das was uns fehlt ist die zusammenhängende Analyse der Situation und die Organisation die den Kampf anführt. Die Rote Aktion ist ein Versuch dies zu erreichen.

F: Wie ist euere Wirkungweise?

A: In dieser Phase sind unsere Hauptaktivitäten: der Aufbau der Organisation, Propaganda und Gegeninformation. Unter dem Aufbau der Organisation verstehen wir unsere Ausbildung, mit Propaganda meinen wir die Verbreitung unserer Ideen und unter der Gegeninformation verstehen wir das Angebot von Informationen der „anderen Seite“, d.h. Nachrichten die nicht auf die Titelseiten der Medien kommen, Nachrichten über die verzweifelten Streiks oder andere Kämpfe gegen die Diktatur des Kapitals, wie auch die Analyse von manchen Prozessen in der Gesellschaft oder politischen Zügen die nach unserer Meinung nicht ausreichend von den Medien kritisiert werden.

2.) Die Einzelpersonenen stellen kein Problem dar

F: Wie wählt ihr die Themen aus über die ihr euch Verhör verschaffen wollt?

A: Ein gutes Beispiel dafür ist das Regierungsprogramm „der wirtschaftlichen Erholung“, das ganz offensichtlich eine Reihe von Eingriffen zum Nachteil für die Mehrheit und zum Vorteil der kleinen Minderheit der Reichsten zum Inhalt hat. Die Analysen der Medien des genannten Programms enthielten die Kommentare der „Wirtschaftsexperten“, alles Vertreter des großen Kapitals. In solchen Fällen werden die Medien statt „Stimme der Öffentlichkeit“ zur Stimme des Kapitals gegen die Interessen der Öffentlichkeit. Daneben, haben wir uns bis jetzt in einer Reihe Kampagnen und Aktionen eingeschaltet, wie es die Studentenproteste und Blockaden, Kampf für die „Varsavska Ulica“ (Anm. Übersetzer: Varsavska Ulica ist eine Straße in Zagreb), eine Reihe von Arbeiterstreiks und Protesten sind. Wir organisierten auch Demos gegen die isrealische Bombardierung des Gazastreifens und gegen den Beitritt Kroatiens zur NATO. Die Bedeutendste davon sind  die Studentenblockaden, die bis jetzt die stärkste und energischste soziale Bewegung in Kroatien ist.

F: Auf dem Portal habt ihr das Regierungsprogramm der wirtschaftlichen Erholung kritisiert, mit der Begründung, dass es “Privatisierungshelden, Antivolkstypen” und ähnliche Personen schrieben, die vor nichts zurückschrecken im Kampf um den Profit.” Habt ihr damit den Skegro (Anm. Übersetzer: Berater der kroatischen Premierministerin) gemeint?

A: Wir meinten u.a. auch den Skegro, aber das Problem sind nicht die herausgehobenen Einzelpersonen. Im Endeffekt sind sie nur die Diener und Marionetten der Interessen des großen Kapitals. Dennoch ist es wichtig die “Wirtschaftsexperten” zu entmythologisieren, die oft ihre Entscheidungen als unumgängliche Tatsachen zu darstellen versuchen. Die Grundlage ihrer Entscheidungen sind nicht die “nackten, durch Erkenntnis gewonnen, Tatsachen” sondern bewusste politische Entscheidungen die manchen entgegenkommen und manchen schaden. Sie wissen das sehr gut, dennoch versuchen sie dies mit ihrer scheinbaren Fachlichkeit zu verbergen.

F: In eurem Programm betont ihr die Notwendigkeit der illegalen Arbeit. Warum Illegalität?

A: Mit der illegalen Arbeit der Organisation bezeichnen wir die Arbeit, die die legalen Strukturen der Organisation nicht anerkennt und welche die AktivistInnen vor Repressionen des Staatsapparates schützt. Die Geschichte aber auch Beispiele anderer Länder, wie es beispielsweise die Türkei ist, zeigen uns ganz deutlich, dass jedes Regime zur Repression greift, wenn es sich von systemfeindlichen Kräften bedroht fühlt. Tatsächlich wollen wir eine systemfeindliche Bewegung aufbauen.

F: Was bedeutet das?

A: Das heißt, dass die Dinge durch die Änderung der speziellen Politik nicht verändert werden können, sondern durch den völligen Wechsel des Systems. Undemokratischer Parlamentarismus, in dem die WählerInnen nicht auf die täglichen Entscheidungen ihrer Vertreter Einfluss nehmen können, ist nicht nur undemokratisch sondern er ist bewusst eingeführt worden, um den Interessen des Kapitals zu entsprechen. Kampf der Diktatur des Kapitals und dem undemokratischen System. Der Kampf gegen das System ist – illegal. Wir benehmen uns nur den Tatsachen angemessen.

F: Wie viele seid ihr in der Organisation?

A: Eine der grundlegendsten Eigenschaften der illegalen Arbeit ist es Informationen über die Mitglieder nicht zu veröffentlichen, einschließlich ihrer Anzahl.

F: Was ist das durchschnittliche Alter der Mitglieder? Sind sie SchülerInnen, StudentInnen, ArbeiterInnen…? Was machen sie sonst im Leben?

A: Die Mehrheit unserer Mitglieder sind junge Leute, vorwiegend in den frühen Zwanzigern. Bei uns gibt es SchülerInnen, StudentenInnen verschiedenster Studienrichtungen, aber auch ArbeiterInnen, Teilzeit-Beschäftigte, SchwarzarbeiterInnen… Unsere Organisation ist nicht subkulturell, so finden sich bei uns sehr verschiedene Menschen, verschiedenster Intressen und Affinität. Uns verbindet der Kampf gegen die Diktatur des Kapitals und nicht bestimmter Lebensstil.

F: Wie sucht ihr euere Mitglieder aus, nach welchen Kriterien geht ihr da vor?

A: Prinzipiell kann jeder ein Mitglied werden der unsere Stellungnahmen und Arbeitsweise annimmt. Die Praxis zeigt uns deutlich, dass nicht jeder völlig bereit ist sich der revolutionären Arbeit zu widmen, auch wenn manche prinzipiell die Notwendigkeit der Revolution anerkennen. Aus dem Grund besteht für die potentiellen Mitglieder ein Kandidatenstatus, während dem wir und sie feststellen wer tatsächlich für die Arbeit in der Roten Aktion bereit ist.

F: Gibt es eine Organisation in Kroatien mit der ihr zusammenarbeitet?

A: Wir unterstützen alle fortschrittliche und sozial-orientierte Bewegungen in Kroatien, was nicht heißt, dass wir uns das Recht auf Kritik ihrer Ansichten und Züge nehmen lassen. Ein gutes Beispiel dafür ist die Initiative “Pravo na grad” (Anm. Übersetzer: Recht auf Stadt), deren Kampf wir gegen die Privatisierung der öffentlichen Räume unterstützen, aber wir sind nicht der Meinung, dass das ein Problem eines korrupten Bürgermeisters und einer Straße sei. Das Problem ist das System, das der Diktatur des Kapitals dient. Die Zerstörung der Varsavska Straße ist nur ein Symptom des Problems und nicht das Problem selbst.

3.) Zerstörte Industrie

F: Ihr sprecht und tretet im Namen der Arbeiterklasse auf, aber wie viel von der Arbeiterklasse ist überhaupt heute in Kroatien übrig geblieben?

A: Überall in Osteuropa ist das Ergebnis des Übergangs die zerstörte Industrie, die potentiell eine Konkurrenz für die westlichen Unternehmen darstellen konnte. In Übereinstimmung damit ist die prozentuelle Anzahl der Beschäftigten in der Industrie gefallen. Währenddessen darf die Arbeiterklasse nicht mit den Beschäftigten in der Industrie gleichgesetzt werden. Der Arbeterklasse gehören alle an die arbeiten müssen, um zu überleben. Demnach alle die, die nicht Eigentümer oder Lenker der Mittel zur Produktion und Verteilung sind. Dazu zählen außer den Beschäftigten im Dienstleistungssektor auch die, die ohne Beschäftigung sind (Arbeitslose) und die, die sich erst für die Arbeit vorbereiten (SchülerInnen und StudentInnen).

F: Habt ihr nicht den Eindruck, dass auch unter den Arbeiterinnen das Bewusstsein der Zugehörigkeit zur gleichen Klasse verschwunden ist?

A: Mit dem Verschwinden der großen industriellen Betriebe ist die Schaffung der kollegialen Solidarität erschwert, bzw. Bewusstsein der Zugehörigkeit zur selben Klasse. Das heißt aber nicht, dass sich die Situation der ArbeiterInnen wahrlich verändert hat. Übrigens noch im Jahr 2001 arbeiteten 25 % der kroatischen Beschäftigten in Produktionsberufen und weitere 25 % im Dienstleistungssektor und maneuellen Berufen. Hier wurden nicht die Lehrkräfte und andere öffentliche Bedienstetete eingerechnet. Wenn man noch die Arbeitslosen in Betracht zieht sieht man, dass die Arbeiterklasse reel nie aufgehört hat zu existieren.

F: Auf dem Portal unterstützt ihr die Studentenproteste, ihre Plenen und direkte Demokratie als das „einzig mögliche Instrument der Revolution“. Wie stellt ihr euch solch eine Revolution vor und wer sollten ihre Träger sein?

A: Die Plenen waren für die Arbeiterklasse in Kroatien eine hervorragende Vorbereitung und Illustration für die zukünftigen Aufstände. In der Auseinandersetzung mit dem System ist der einzige Vorteil des aufständischen Volkes seine Masse und das Plenum ist das Organ   das durch die Masse am besten genutzt wird. Wenn das Volk im Aufstand Plenen organisiert, kommt es in Konflikt mit dem nichtdemokratischen System und der legalen Regierung. Dieser Konflikt hat nur zwei Lösungswege: Entweder wird das System die Plenen niederwerfen und sie ungefährlich machen oder die Plenen werden die legale Macht durch demokratische Formen der Macht ersetzen. Wenn das zweite zur Tatsache wird, dann heißt das Revolution. Die Träger der Revoulution werden alle diejenigen sein, die ein Interesse an der Zerschlagung des Systems haben und das ist die große Mehrheit der Bevölkerung, bzw. alle außer dem engen Kreis der großen Kapitalisten und den professionellen Politikern die ihnen dienen.

4.) Wir erinnern uns des Kommunismus nicht mehr

F: Mit der Berücksichtigung des Umstandes, dass nach 1990 alles was mit Kommunismus und Linken zu tun hatte geächtet wurde, wie ist es euch da überhaupt gelungen euere politische Gesinnung zu formen?

A: Unsere politische Überzeugung entstand nicht aus Nostalgie zum vergangenen Regime. Wir erinnern uns dieser Zeit auch gar nicht. Zum organisierten Kampf brachte uns die Analyse der gegenwärtigen Situation. In diesem Sinn kritisieren wir auch das einstige Regime aus der linken Perspektive. Die Tatsache, dass der „Realsozialismus“ gescheitert ist, darf nicht mehr ein Argument für den Kapitalismus sein. Es ist ganz offensichtlich, dass auch der Übergang als Projekt scheiterte. Es ist höchste Zeit mit dem Aufbau der Alternative anzufangen.

5.) Die SDP (Anm. Übers: Sozialdemokratische Partei) ist keine Linke

F: Auf euerem Portal schießt ihr euch auch auf die Opposition ein, wegen ihrer Unterstützung der Regierungsmaßnahmen gegen das Volk. Heißt das, dass ihr die SDP nicht als linke Partei bzw. „rote Partei“ seht?

A: Die Politik dieser Partei, in der kurzen Zeit an der Macht und in der Opposition, ist nicht ein wenig vom neoliberalen Extremismus abgewichen: Abbau der Sozialleistungen, Privatisierungen, Kommerzialisierung der Sozialleistungen. Die Sozialdemokratie war in der Geschichte eine Form der linken Bewegung, aber die letzte Phase ihrer Evolution, der sogenannte „dritte Weg“ (oder Blerismus), bedeutet die letzte definitive Verschmelzung der Sozialdemokratie mit dem Liberalismus. Die Sozialdemokratie ist heute keine soziale Option und auch keine Option für die Arbeiter. Das gestehen sie in ihren Dokumenten selber ein.

5.) Dem Westen kommt ein zerstrittener Balkan entgegen

F: In eurem Artikel behauptet ihr, dass der „Balkan einen gemeinsamen antiimperialistischen Kampf der Völker Balkans bedarf“. Ist das eine Befürwortung für eine neue Balkanunion?

A: Wir befürworten keine neuen Formen der Staatengemeinschaft, die eine Rekonstruktion von irgendwelchen vergangenen politischen Formen wären. Wir sind nicht die, die Kroatien in eine regionale Gemeinschaft drängen, sondern der Übergang bzw. die kapitalistische Entwicklung drängte die Balkanstaaten und die Staaten Mitteleuropas in die gleiche Position, in die Peripherie des westeuropäischen Kapitalismus. Einer der Gründe warum sich diese Staaten dem Kapital aus dem imperialistischen Zentrum nicht widersetzen können ist, dass sie einen großen Teil der Energie für die gegenseitigen Konflikte verbrauchen. Das trifft vor allem auf Balkan zu. Anstatt den zwecklosen gegenseitigen Konflikten, brauchen die Staaten des Übergangs einen gemeinsamen Widerstand gegen den Imperialismus, auf dem Prinzip der vollen Anerkennung der Rechte aller Nationen auf Eigenständigkeit.

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Eigene Übersetzung, RKJV

Homepage der Crvena akcija und Quelle des Interviews: www.crvena-akcija.org

 

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